Pressemitteilung


8.10.2021 – 5.12.2021
Pressetermin: Mittwoch, 6. Oktober, 11 Uhr
Eröffnung: Donnerstag, 7. Oktober, 19 Uhr
Preview: 18 Uhr, Kuratoren-Führung mit Jacob Korczynski

Ausstellung

Emma Hedditch, Lili Huston-Herterich & Jean-Paul Kelly

With a view to a later date, or never

Die Bricolage hat ihre Ursprünge in der Anthropologie, wobei die Bricoleur:innen ihre Umwelt prozesshaft ergründen und mit dem arbeiteten, was ihnen zur Verfügung steht. Oder, wie der Künstler und Kurator Ian White es formulierte: „Das Material ist die Grenze“. Im kunsthistorischen Kontext steht Bricolage nicht für eine bestimmte Strategie, Methode oder ein spezifisches Vorgehen. Die Ausstellung zeigt zeitgenössische Praktiken der Künstler:innen Emma Hedditch (*1972, Somerset, GBR), Lili Huston-Herterich (*1988, Chicago, USA) und Jean-Paul Kelly (*1977, London, CAN). In ihren Herangehensweisen werden die Grenzen des eigenen Körpers und die damit einhergehenden Verletzlichkeiten zum wesentlichen Material für ihre Werke und dienen gleichzeitig als Zugang zu ihren Arbeiten.

Die Kraft ihrer Projekte liegt nicht in ihrem Ursprung in einem einzelnen Medium oder einer einzelnen Geste, sondern ergibt sich vielmehr aus dem Fortschreiten der Zeit und ihrem Potenzial für eine mit dem alltäglichen Leben verwobene Arbeitsweise. Auf diesem Wege schreibt sich der historische und gesellschaftliche Kontext der Bricoleur:innen im Augenblick der Begegnung in die Lebensumstände der Betrachter:innen ein. Emma Hedditch beschäftigen sich mit Privatbesitz in ihrem Lebensumfeld in Brooklyn und machen die Demarkationslinien privaten Eigentums, die wir Tag für Tag überschreiten und gleichzeitig verstärken, in Gestalt von Fotografien und gefundenen Gegenständen sichtbar. Sie dokumentieren ihre allgegenwärtigen Begegnungen mit Schlössern, die der Sicherung von Grundstücken dienen, und sammeln spezifische, aber reproduzierbare Formen von Schlüsseln, die nun nicht mehr an frühere Wohnungen und Arbeitsplätze gebunden sind. In ihrer Allgegenwärtigkeit und Anonymität gleichen Schlösser und Schlüssel einander, doch letztere unterstreichen, dass der Zugang zu ersteren begrenzt ist. In der Nähe ihres Wohnsitzes in Rotterdam hat Lili Huston-Herterich Fasern aus den Abfällen der Textilindustrie bezogen und verwendet diese als Grundlage für ihre geknüpften und gefilzten Skulpturen, die damit den Übergang durch mehrere Generationen von Händen markieren und so eine weitere Geschichte entstehen lassen. Im Badischen Kunstverein passt sie ihre Skulptur Lanolin River Water (2018) den räumlichen Gegebenheiten an und erweitert die Installation Real ’Til I Come (2018) um neue Glasobjekte. In dieser Arbeit bezieht die Künstlerin auch immer die spezifische Architektur der Städte mit ein, in denen die Installation jeweils gezeigt wird. Jean-Paul Kelly schließlich eignet sich Bilddokumente an, auf die wir unmittelbar elektronisch zugreifen können, um das, was sie zeigen und wie sie es zeigen, zu interpretieren und zu verändern. Cite, or Spectrum of Colours Arranged by Chance (2019) ist eine Gruppe von auf Fotos basierenden Skulpturen, mit der Kelly seine Reihe abstrakter Porträts von Künstler:innen, Schriftsteller:innen und Filmemacher:innen fortsetzt. Diese Portraits beschäftigen sich mit der ästhetischen Übersetzung realer Lebensbedingungen; hierzu gehört für Kelly auch die andauernde polizeiliche Überwachung queerer Communities, in denen er in Toronto lebt. Mit skulpturalen Paneelen aus Plexiglas und rostigem Stahl formt und verfestigt er unseren Blick, lenkt ihn von unseren Bildschirmen auf andere Bildflächen, die das Fleischliche und die Wahl der Sichtweise an das Material binden.

Für alle drei Künstler:innen ist Akkumulation nicht gleichbedeutend mit Anhäufung. Hier treibt die Anhäufung auch die Abschwächung voran.

Jacob Korczynski und Jean-Paul Kelly bedanken sich für die finanzielle Unterstützung beim Ontario Arts Council, einer Einrichtung der Regierung von Ontario. Der Beitrag von Jean-Paul Kelly wurde mit Unterstützung der Stadt Toronto durch den Toronto Arts Council produziert.

Kuratiert von Jacob Korczynski


Emma Hedditch (*1972, Somerset, GBR) leben und arbeiten in New York. Hedditchs Werk kreist um Alltagspraxis, deren materielle Gegebenheiten und die Verbreitung von Wissen als politischer Akt. Bei ihren kreativen Aktivitäten bewegen Sie sich innerhalb eines Bezugsrahmens von großer Flexibilität, die bedingt ist durch ihr dauerhaftes Engagement für soziale Beziehungen und das Aufbrechen institutioneller Strukturen durch Selbstorganisation. Sie sind Mitglied der Cinenova Working Group (seit 1999), der Copenhagen Free University (2001–2008), des Performance-Space No Total (2012–2017) sowie von Coop Fund (seit 2018). Hedditch lehren Film und Video am College of Staten Island und der Cooper Union.

Lili Huston-Herterich (*1988, Chicago, USA) lebt und arbeitet in Rotterdam. In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sie sich unter anderem mit Stoffen und Prozessen; sie hinterfragt, mit was und wem sie lebt und wo diese Dinge herkommen. Stets im Bewusstsein ihrer Position als Produzentin in einem Kontext des Überflusses, bedient sie sich des Treibguts unserer kapitalistischen Kultur, um Werke in einer radikal abhängigen Gegenwart zu schaffen. Zuletzt war sie mit ihren Arbeiten unter anderem in folgenden Institutionen vertreten: Peach, Rotterdam, NLD (2021); Pumice Raft, Toronto, CAN (2021); Apparatus Projects, Chicago, USA (2021); Index Foundation Stockholm, SWE (2020); Zalucky Contemporary, Toronto, CAN (2019) und Het Nieuwe Instituut, Rotterdam, NLD (2019). Huston-Herterich betreibt außerdem den Projektraum Available & The Rat in Rotterdam.

Jean-Paul Kelly (*1977, London, CAN) lebt und arbeitet in Toronto. Mit den Mitteln von Video, Fotografie, Zeichnung und Ausstellung hinterfragt er die Grenzen der Darstellung. Dazu untersucht er komplexe Assoziationen bei der Produktion, Rezeption und Zirkulation von Dokumentarmaterial. Seine Arbeiten waren im Rahmen von Einzelausstellungen in folgenden Institutionen zu sehen: VOX Centre de l'image contemporaine, Montréal, CAN (2019); Plug In ICA, Winnipeg, CAN (2019); Delfina Foundation, London, GBR (2016); Wexner Center for the Arts, Columbus, USA (2014). Kelly wurde 2014 mit dem Kazuko Trust Award von der Film Society of Lincoln Center und 2015 mit dem Images Festival Award (Toronto) gewürdigt. Er ist Leiter des Bereichs Visual Studies an der Daniels Faculty of Architecture, Landscape, and Design an der Universität von Toronto.

Jacob Korczynski (*1979, Ajax, CAN) ist freier Kurator. 2020 war er Stipendiat für kuratorische Studien der Andy Warhol Foundation for the Visual Arts. Er kuratierte Projekte für das Stedelijk Museum, Cooper Cole, Western Front und Mercer Union. Seine Publikationen sind bei Afterall, BOMB, Camera Austria und Flash Art erschienen. Über seine kuratorischen Projekte in Form von Ausstellungen, Screenings und Publikationen hinaus ist er außerdem Herausgeber von I See/La Camera: I (If I Can't Dance I Don't Want to Be Part of Your Revolution); Andrew James Paterson, Collection/Correction (Kunstverein Toronto & Mousse Publishing); Jimmy Robert, Revue (Leopold Hoesch Museum) und Nour Bishouty, 1-130: Selected Works Ghassan Bishouty b. 1941 Safad, Palestine – d. 2004 Amman, Jordan (Art Metropole & Motto Books)

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presse@badischer-kunstverein.de oder rufen Sie uns an unter 0721 28226.

8.10.2021 – 5.12.2021
Eröffnung: Donnerstag, 7. Oktober, 19 Uhr

Ausstellung

Gitte Villesen

It changed radically: grew fur again, lost it, developed scales, lost them

Mit einem Beitrag von Beverly Buchanan. In Kooperation mit Dental, Chiara Figone, Joerg Franzbecker, Emma Wolf-Haugh, und Saidou Ndiaye

Wir freuen uns, die Arbeiten der Künstlerin Gitte Villesen (*1965, DNK) in einer Einzelausstellung zu präsentieren, die von einem vertiefenden Vermittlungs- und Veranstaltungsprogramm begleitet wird. Die Ausstellung konzentriert sich auf aktuelle Projekte der Künstlerin, darunter zwei für den Kunstverein produzierte Videoinstallationen.

Bis vor wenigen Jahren entwickelte Gitte Villesen ihre in erster Linie filmischen und fotografischen Werke als situative Begegnungen mit Protagonist:innen, die nicht nur in den bewegten Bildern des Videos präsent sind, sondern auch als wichtige Dialogpartner:innen der Künstlerin nachvollziehbar werden. Beispielhaft hierfür stehen die Filme It runs about like ants (2015) und The Play, The Actor, The Improvisation (2019), eine Kollaboration mit Dental, Amadou Sarr and Saidou Ndiaye. Villesens Praxis des Erzählens und Wiedererzählens als Formen der mannigfaltigen Montage von Begegnetem, Inszeniertem und Archivischem setzt sich in ihren neuen Projekten fort, die aber zugleich mit Bezügen zur feministischen Science-Fiction-Literatur durchzogen sind (Ursula K. Le Guin, Octavia E. Butler und Suzette Haden Elgin). So entsteht eine vielstimmige Struktur der verschiedenen Ausstellungsbeiträge und wird zur Basis für eine Neubefragung des präsentierten Materials im Vermittlungs- und Veranstaltungsprogramm.

Die Videoarbeit Deeply immersed in the content of a learning stone (2016/17) entstand in einer kollaborativen Auseinandersetzung mit der Pubertät im Kontext der zeitgenössischen Krisen des Embodiment und untersucht die Transformation von körperlichen und mentalen Zuständen. Eine der Nacherzählungen in diesem Film ist Ursula K. Le Guins Das Wort für Welt ist Wald. Die im Roman beschriebene Gesellschaft eines Planeten unterscheidet nicht zwischen Wach- und Traumzeit. Sie hat sich das bewusste Träumen antrainiert. Der Film selbst wechselt zwischen fiktiven und realen Charakteren und Bildern von einem Bewusstseinszustand zum anderen.
In der Videoinstallation There is an Affinity (2019) spürt Villesen Darstellungen von Pflanzen und deren Inszenierungen in den Dioramen des Botanischen Museums in Berlin nach. Ihr Interesse gilt den Zeichnungen des Botanikers R. H. Francé (1874–1943) und ihren daraus entstehenden
sicht- wie fühlbaren Beziehungsgeflechten. So wird im Film eine von Francé angefertigte Zeichnung stark vergrößerter Bodenorganismen mit einem Zitat der Science-Fiction-Autorin Octavia E. Butler kombiniert. In diesem Zitat unternimmt eine Hauptfigur der Geschichte ihren ersten Spaziergang auf einem Raumschiff – einem Schiff, das teilweise Pflanze, Lebewesen und Maschine ist.
Eine weitere explizit audiovisuelle Wesensverwandtschaft entfaltet die für die Ausstellung neu produzierte und titelgebende Videoarbeit: Beim Durchstreifen realer und fiktiver Landschaften wird erzählt, wie Sprachen erzeugt und Signale gesendet werden. Die Aufzeichnungen verweisen auf eine Fragilität und Empfindsamkeit derartiger Äußerungen, die aber auch mit Formen der Selbstermächtigung einhergehen; beides findet sich in so unterschiedlichen Erscheinungen wie der Mimose oder der Legasthenie.
The Flyers of Lucy and Suzanne (2021; gemeinsam mit Joerg Franzbecker) zeigt anhand der aktivistischen Praxis der Künstlerinnen Claude Cahun und Marcel Moore, wie sich vorherrschende Annahmen gegenüber exzentrischen nicht-männlichen Personen als Basis für eine konspirative Praxis einsetzen lassen: das Paar propagierte mit intellektueller Raffinesse und künstlerischen Mitteln lange unentdeckt gegen die deutsche Besatzung der Kanalinsel Jersey während des Zweiten Weltkriegs. Hervorgehoben sind zudem die Arbeiten der Künstlerin Beverly Buchanan (1940–2015), die die künstlerische Praxis von Gitte Villesen seit einiger Zeit begleiten und auch in der Ausstellung präsent werden.

Das Bildungs- und Veranstaltungsprogramm umfasst einen Science-Fiction-Workshop mit der Künstlerin Emma Wolf-Haugh und Gitte Villesen sowie eine Veranstaltung mit Saidou Ndiaye, Dramatiker und Gründungsmitglied der Theatergruppe Kàddu Yaraax in Dakar, und Chiara Figone, Gründerin von Archive Books, Berlin und Mailand. Joerg Franzbecker und Gitte Villesen führen eine Materialsichtung durch, die neben Führungen und einem Künstlerinnengespräch die Inhalte vertieft. Die Kuratorin und Autorin Jennifer Burris und die Künstlerin Park McArthur verfassen einen Text über das Werk von Beverly Buchanan für die Ausstellung und halten einen Vortrag im Rahmen des Programms.

Kuratiert von Anja Casser


Gitte Villesen (*1965, Ansager, DNK) lebt und arbeitet in Berlin. Villesen nahm an bedeutenden internationalen Festivals teil u.a. VIDEONALE.scope #6: The Cracks, Not the Mirror, Köln, DEU (2018); Kasseler Dokfest, Kassel, DEU (2017); CPH:DOX, Copenhagen International Documentary Film Festival, Kopenhagen, DNK (2015, 2014 und 2008). Zu ihren letzten internationalen Ausstellungen zählen u.a. Galerie für Zeitgenössische Kunst, Leipzig, DEU (2020); nGbK und Botanisches Museum, Berlin, DEU (2019); M.1 / Arthur Boskamp-Stiftung, Hohenlockstedt, DEU (solo, 2017); Archive Kabinett, Berlin, DEU (solo, 2017); Heidelberger Kunstverein, DEU (2016); Kisterem, Budapest, HUN (solo, 2014); Latvian Centre for Contemporary Art (LCCA), Riga, LVA (solo, 2014); Ebenso war sie im Dänischen Pavillon auf der 51. Biennale in Venedig und an der Manifesta 2 in Luxemburg vertreten. 2015 wurde ihre Arbeit Telling und Retelling auf dem Campus Roskilde des University College Zealand installiert (http://www.telling-and-retelling.com).



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