Pressemitteilung


24.04.-21.06.2015
Pressegespräch: Mittwoch, 22. April 2015, 11 Uhr
Eröffnung: Donnerstag, 23. April 2015, 20 Uhr

Ausstellung

Aurélien Froment

News from Earth

Der Badische Kunstverein zeigt in Kooperation mit dem Heidelberger Kunstverein eine zweiteilige Ausstellung des französischen Künstlers Aurélien Froment, die parallel an beiden Orten stattfindet. Es ist die bislang größte Einzelausstellung des Künstlers in Deutschland. Froment untersucht in seinen Arbeiten die Rezeption, Montage und Erfahrung von Bildern sowie die Räume, in denen sie existieren. Er schafft Ausstellungssituationen aus verschiedenen Quellen, deren Heterogenität seine Praxis charakterisieren.

Froments Ausstellung im Badischen Kunstverein widmet sich drei historischen Schauplätzen: dem Palais idéal des Autodidakten und Briefträgers Ferdinand Cheval, der experimentellen Stadt Arcosanti des Architekten Paolo Soleri und dem Gedächtnistheater des Philosophen Giulio Camillo. Jedes dieser drei historischen Gedankengebäude zeugt von historischen Verschiebungen und markiert ein exzentrisches Engagement, das sich jenseits des klassischen Kunstkanons verortet.

Zentrales Werk der Präsentation ist Aurélien Froments aktuelle Fotoarbeit Tombeau idéal de Ferdinand Cheval (2014), die erstmals in Deutschland zu sehen ist. In 90 Schwarz-Weiß-Fotografien dokumentiert Froment die einzigartige Formensprache, mit der Ferdinand Cheval von 1879 bis 1912 seinen Idealplast ausstattete. Cheval selbst ist nie gereist. Er war Postbote und Autodidakt und seine fantastischen, naiven Figuren, Formen und Objekte sind wohl vor allem durch Abbildungen in Büchern inspiriert, die ihm in seiner kleinen Privatbibliothek zur Verfügung standen. Um diese Wunderkammer eines einzelnen Mannes in den Ausstellungsraum zu übertragen, aktiviert Froment eine neue Form des Archivs: Zahlreiche Elemente wurden separat fotografiert, indem der Künstler den Hintergrund der Motive mit schwarzem Stoff verhüllte und sie so aus ihrem Gesamtzusammenhang isolierte. Teile von Chevals Werk werden entblößt, andere verdeckt und der Index kurioser Formen für die eigene Fantasie und Interpretation geöffnet.

Der überwältigenden Anzahl an Bildern in Froments Tombeau idéal de Ferdinand Cheval steht in dem Film Camillo’s Idea (2013) ein strenger Bühnenraum gegenüber. Der Film setzt sich mit dem so genannten Gedächtnistheater des italienischen Philosophen Giulio Camillo (1480-1544) auseinander, in dem das gesamte Wissen der Welt in Bildern verwahrt wird. Froment nähert sich dem Wissensgebäude Camillos mit filmischen Mitteln und konzentiert die Erzählung auf die Darstellung einer einzelnen Schauspielerin. Zwei Textquellen werden in dieser Arbeit miteinander verschränkt und verdeutlichen zwei unterschiedliche Strömungen der Renaissance: Zum einen rezitiert die Schauspielerin einen Brief des Philosophen Viglius Zuichemus an seinen Freund Erasmus, in dem er von seinem Besuch bei Giulio Camillo berichtet. Zum anderen bietet die Schauspielerin Camillos eigene Beschreibung des Gedächtnistheaters dar, die erst nach seinem Tod erschien. Dem Humanismus als Verfechter der Vernunft steht ein intelektueller Bilderkosmos gegenüber, der seinen Formenreichtum eher aus der Antike und dem Mittelalter schöpft.

Die dritte und aktuellste Gruppe von Arbeiten umkreist das Werk des italienischen Architekten Paolo Soleri, dessen lebenslanges Projekt – die Idealstadt Arcosanti – als Alternative zur Urbanisierung geplant wurde. Bereits Mitte der 1950er-Jahre entworfen, wird die Stadt Arcosanti seit den 1970er-Jahren in der Wüste Arizonas gebaut. Sie ist Soleris Gegenentwurf zur modernen amerikanischen Stadt und Inbegriff seiner Idee der „Arcology“, die Architektur und Ökologie verbindet. Um die Wirkung dieser imposanten Anlage zu übertragen, hat Froment in einem Workshop mit Studierenden des Institut supérieur des arts de Toulouse einige der signifikanten Strukturen aus Arcosanti in Soleris so genannter Erdabguss-Technik modellhaft nachempfunden. Diese Objekte sind als Earthworks (2015) in der Ausstellung im Badischen Kunstverein erstmals zu sehen und werden von einer Serie neuer Fotografien unter dem Titel Negative Architecture (2015) begleitet. Soleris Experimente mit der Produktion von Keramiken schlagen sich auch in seinen architektonischen Entwürfen nieder. 21 keramische Windglocken, die noch heute produziert werden, sind für den Kunstverein in Arcosanti neu gegossen worden – ein Sinnbild für Soleris visionäre Architektur in Miniatur.

Kuratiert von Anja Casser


Aurélien Froment
(*1976 in Angers, Frankreich) lebt in Dublin. Seine jüngsten Einzelausstellungen wurden 2014 im Le Plateau–FRAC Ile de France, Paris, und unter dem Titel „Fröbel Fröbeled“ in der Contemporary Art Gallery, Vancouver, Villa Arson, Nizza, und Spike Island, Bristol, präsentiert. Viele weitere Institutionen haben Einzelpräsentationen seiner Arbeit gezeigt, u.a. CCA Wattis, San Francisco, Le Crédac, Ivry-sur-Seine, Musée de Rochechouart, und Gasworks, London. Froment war auf der Sydney Biennale (2014), der Venedig Biennale (2013), der Lyon Biennale (2011), der Yokohama Triennale (2011) und der Gwangju Biennale (2010) vertreten. Derzeit ist er Atelierstipendiat der Temple Bar Gallery + Studios in Dublin.

In Kooperation mit dem Heidelberger Kunstverein

Ausstellung im Heidelberger Kunstverein

Aurélien Froment: Fröbel gefröbelt
Pressegespräch: Dienstag, 21. April, 11 Uhr
Eröffnung: Mittwoch, 22. April, 19 Uhr
Laufzeit: 23.04.–21.06.2015

Mit freundlicher Unterstützung:
Institut Français
Le Plateau–FRAC Île-de-France, Paris
Les Abattoirs–FRAC Midi-Pyrénées, Toulouse
Institut Supérieur des Arts de Toulouse (ISDAT)

<strong>Aurélien Froment</strong>, <i>De l (13-01), 2014'>

Aurélien Froment, De l'Ombre des idées (13-01), 2014


Für weiteres Informations- und Bildmaterial wenden Sie sich bitte an
presse@badischer-kunstverein.de oder rufen Sie uns an unter 0721 28226.

24.04.-21.06.2015
Pressegespräch: Mittwoch, 22. April 2015, 11 Uhr
Eröffnung: Donnerstag, 23. April 2015, 20 Uhr

Lichthof

Heidrun Holzfeind

forms in relation to life

Anlässlich der Ausstellung „Die Internationale Werkbundsiedlung“ entstand 1930-32 die Wiener Werkbundsiedlung mit siebzig eingerichteten Musterhäusern. In- und ausländische Architekten – darunter Adolf Loos, Gerrit Rietveld oder Margarete Schütte-Lihotzky – entwarfen Einfamilienhäuser, die den Bewohnerinnen und Bewohner auf kleinstem Raum einen möglichst hohen Komfort bieten sollten. Die Siedlung war eine Gegenbewegung zu den großen kommunalen Wohnblöcken dieser Zeit und ein Versuch, die Dogmen der Moderne-Bewegung zu entschärfen.

In Heidrun Holzfeinds Film forms in relation to life (2014) kommen die heutigen Bewohner der Siedlung zur Sprache und erzählen von ihrem Alltag in den Musterhäusern aus den 1930er-Jahren. Über ein Jahr begleitete Holzfeind die Bewohner und schafft es auf eindrückliche Weise, ihren privaten Bedürfnissen und Lebenskonzepten nahe zu kommen, ohne diese in irgendeiner Form zu bewerten. Wie haben sich die Menschen in ihren Häusern eingerichtet und nach ihren Wünschen adaptiert? Wie gehen sie mit dem minimalen Wohnraum und den Restriktionen der denkmalgeschützten Siedlung um?

Die persönlichen Gespräche und Erinnerungen machen deutlich, welche architektonischen Ideen sich verwirklicht haben, welche aber auch klar gescheitert sind. Der Film offenbart zudem, wie unterschiedlich sich die einzelnen Bewohner der Moderne verpflichtet fühlen und wie sich diese Diskrepanz auch in Konflikten untereinander entladen kann. So ist die soziale Struktur in engster Form mit der Architektur verknüpft.

Am Ende des Films gibt es eine Sequenz, in der Kinder in Tierkostümen durch die Siedlung laufen. Diese Kostüme wurden von der ältesten Bewohnerin der Siedlung über Jahre genäht. An dieser Stelle des Films wird Holzfeinds Umgang mit der Technik des Dokumentarischen an der Schwelle zwischen Realität und Inszenierung besonders deutlich. Das Ideal modernistischer Architektur wird gegen die Lebensrealität des Alltags gesetzt, die sich ihre eigenen Bühnen und Formen der Darstellung schafft.

Die Kostüme sind in der Ausstellung im Original zu sehen und finden auch Eingang in andere Arbeiten Holzfeinds, wie in die Fotoserie animals (fashion book) (2013), und das Kurzvideo costume parade (2014). Die Skulpturen Kletterdreieck (2014) und Hausbaukasten (2015) – letztere wurde speziell für die Ausstellung produziert – zitieren Turn- und Spielgeräte, auf die Holzfeind während ihrer Recherche zu den Wiener Kindergärten aufmerksam wurde. Form und Material des Klettergerüsts beziehen sich beispielsweise auf die geometrischen Objekte der Minimal Art; das Gerüst kann aber zugleich benutzt und immer wieder anders aufgestellt werden.

Kuratiert von Anja Casser


Heidrun Holzfeind
(*1972 in Lienz, Österreich) lebt und arbeitet in Wien und New York. Ihr jüngsten Einzelausstellungen umfassten „never neverland“, Pavelhaus in Kooperation mit Steirischer Herbst, Österreich, „Tsunami Architecture”, Centre d’Art Contemporain Yverdon (mit Christoph Draeger), „forms in relation to life”, M29 – Richter Brückner, Köln, „Strictly Privat“, BAWAG contemporary, Wien, „Tsunami architecture“, OK Centrum Linz (mit Christoph Draeger), „Za Zelazna Brama“, CCA, Ujazdowski Castle, Warschau, „CU/Mexico 68“, in De Vleeshal, Middelburg, Niederlande, in Sala de Arte Público Siqueiros, Mexico City und Galerie im Taxispalais, Innsbruck, „Imprevistos. Obras de Heidrun Holzfeind“, Lado B, MUCA Museum, UNAM, Mexico City, „Exposed“, Artists Space, New York, „Alien3”, W139 gallery, Amsterdam. Außerdem wurden ihre Arbeiten u.a. in folgenden Institutionen gezeigt: Centre d'Art Barcelona, Tamayo Museum, Mexico City, Malediven Pavilion, 55. Venedig Biennale, MdM Salzburg, Camera Austria, Graz, MOMA, New York.

<strong>Heidrun Holzfeind</strong>, <i>forms in relation to life</i> (Videostill), 2014

Heidrun Holzfeind, forms in relation to life (Videostill), 2014


Für weiteres Informations- und Bildmaterial wenden Sie sich bitte an
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