zurück

12.7.-15.9.2019
Donnerstag, 11. Juli 2019, 19 Uhr

Ausstellung

Grammar and Glamour

Mai-Thu Perret

Unter dem Titel Grammar and Glamour eröffnet der Badische Kunstverein die erste umfassende Einzelausstellung der Künstlerin Mai-Thu Perret in Deutschland (*1976, Genf). Perret arbeitet mit so unterschiedlichen Formaten wie Malerei, Skulptur, Keramik, Tapisserie, Film, Performance und Text. In ihren Werken widmet sich die Künstlerin dem feministischen und spirituellen Diskurs, den sie auf singuläre Weise mit kunstimmanenten Fragen zu Materialität und Form verbindet. Ihr Umgang mit verschiedenen Techniken in Keramik, Textil und Tapisserie verweist zudem auf Perrets Interesse an der Arts-and-Crafts-Bewegung als alternative Form künstlerischen Ausdrucks. Realistische Darstellungen von Kämpferinnen und Reformerinnen treffen auf Ansätze formaler Abstraktion, die zudem auf eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Medium der Malerei und den Möglichkeiten malerischer Transformation verweisen. Dabei ist die Kunst Perrets keineswegs nur selbstbezüglich, sondern in den Kontext konkreter Narrationen eingebunden. Teilweise liegen den Geschichten direkte Referenzen aus Literatur und Theorie zugrunde, andere Bezüge sind von der Künstlerin selbst erfunden und zirkulieren um mehrere Werke und Werkgruppen. Perret nutzt ihre Arbeiten als einen spekulativen Raum, um marginalisierte Formen und Techniken zu aktivieren, vergessene Figuren zu animieren und alternative Geschichten zu entwerfen, um die Linearität konventioneller Erzählstrukturen aufzubrechen. 

Basierend auf Mai-Thu Perrets umfangreichem Projekt The Crystal Frontier (seit 1999) über eine fiktive feministische Kommune in der Wüste New Mexicos, verwebt die Ausstellung verschiedene Narrationen über starke und unabhängige Frauenfiguren miteinander – von den lesbischen Kämpferinnen in Les Guérillères (2018), nach einem Roman der französischen Avantgarde-Schriftstellerin und feministischen Theoretikerin Monique Wittig, bis zu der ursprünglichen Figur der Hexe, die sich in den aktuellsten Arbeiten der Ausstellung niederschlägt. Während Wittigs disruptive Sprache eine Reihe von Werken hervorruft, die sich mit Strategien der Unterbrechung und Wiederholung beschäftigen und diese mit Techniken des Dadaismus verbinden, führt Perrets Untersuchung der Hexerei zu einer Gruppe großformatiger Objekte, die für die Ausstellung rekonstruiert wurden und an Moore, Wälder oder die minimalistische Geometrie in Zen-Gärten erinnern. Die Künstlerin inszeniert die Hexerei als eine fundamentale Kraft gegenüber disziplinären Strategien, kapitalistischen Systemen und gesellschaftlichen Konformitäten. Die Hexe als Archetyp wird in die moderne Welt übertragen und steht symbolisch für den Kampf gegen eine restriktive Geschlechterpolitik.

Die fiktive Geschichte von The Chrystal Frontier ist durch eine Serie von Texten in der Ausstellung präsent, in denen die Frauen der Kommune „New Ponderosa“ eine neue Welt visionieren, die sie über die Rückkehr zur Natur und zum Handwerk etablieren wollen. Perrets Keramiken, Tapeten, Kleider oder Wandteppiche sind zunächst vor diesem Hintergrund zu lesen und als Artefakte einer fiktiven Produktion der Frauen in „New Ponderosa“ zu deuten, bevor sich die Objekte immer mehr von ihrer Geschichte emanzipieren. In deutlicher Affinität zu Bewegungen des Bauhauses und des Konstruktivismus entwirft die Künstlerin eine neue Gesellschaft, in der Kunsthandwerk und Ornamentik eine Aufwertung erfahren: Sie sind nicht mehr nur ausgegrenzte Zeugnisse häuslichen Dekors, sondern starker Ausdruck einer feministischen Einschreibung in die männlich dominierte Kunstgeschichte des Westens. Zugleich verdeutlichen sie Perrets Interesse an den Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts und die Möglichkeiten ihrer politischen wie formalen Emanzipation.

Kuratiert von Anja Casser

 

Mai-Thu Perret (*1976) lebt und arbeitet in Genf, Schweiz. Sie ist bekannt für ihre multidisziplinäre Praxis in den Bereichen Skulptur, Malerei, Video und Installation. Perret studierte Englisch an der Cambridge University und war 2002/2003 Teilnehmende des Whitney Independent Study Program in New York. 2011 wurde sie mit dem renommierten Zurich Art Prize und dem Prix Culturel Manor ausgezeichnet; 2018 folgte der Paul-Boesch-Preis. Seit 2008 lehrt sie an der Haute école d’art et de design in Genf. Zuletzt wurden ihre Arbeiten bei Spike Island, Bristol (2019) und im MAMCO, Genf (2018) ausgestellt.

 

Eröffnung 

Do 11.7.2019, 19 Uhr
21 Uhr, Bar mit DJ Andreas Karl Schulze

 

Rahmenprogramm

Sa 7.9.2019, 20 Uhr
Performance 
The Blazing World

Konzipiert von Mai-Thu Perret
Geschrieben und performt von Tamara Barnett-Herrin, Jacopo Belloni, Giovanna Belossi, Gregory Bourrilly, Sylvain Gelewski, Juliet Lakhdari, Mai-Thu Perret, Angeles Rodriguez / Gesprochener Text und Lied von Tamara Barnett-Herrin Soundtrack von Layer V / Kostümdesign von by Gregory Bourrilly und Giovanna Belossi. Die Performance wurde im Rahmen eines Workshops des Work.MasterProgramms der HEAD – Haute Ecole d’Art et de Design, Genève entwickelt und von Spike Island, Bristol, UK, in Auftrag gegeben.

 

Führungen

Mi 17.7.2019, 18 Uhr
Kuratorinnen-Führung mit Anja Casser

Mi 31.7.2019, 18 Uhr
So 15.9.2019, 16 Uhr
Führungen mit Yvonne Fomferra

zurück