Pressemitteilung


1.7.–11.9.2022
Pressetermin: Mittwoch, 29. Juni, 11 Uhr
Eröffnung: Donnerstag, 30.6.2022, 19 Uhr

Ausstellung

Charlotte Johannesson

ALL LINED UP

Der Badische Kunstverein zeigt die Künstlerin Charlotte Johannesson (*1943, Malmö, Schweden) in einer ersten umfassenden Einzelausstellung in Deutschland. Johannesson arbeitet mit so verschiedenen Medien wie Textil, Plotterdruck, Malerei und digitalen Diashows und ihr Interesse gilt einer antidisziplinären Symbolik, Zirkulation von Wissen und einem kontinuierlichen Streben nach Innovation. Die Ausstellung reicht von frühen Textilarbeiten der 1970er Jahre über die Computergrafiken der 1980er bis hin zu den aktuellen computergefertigten Textilien.

Charlotte Johannessons höchst originäre künstlerische Praxis verbindet die handwerkliche Technologie des Webstuhls mit der digitalen Technologie der Computerprogrammierung und erforscht deren formale und konzeptionelle Verbindungen. Als Weberin ausgebildet, begann Johannesson bereits in den späten 1960er Jahren Wandteppiche zu produzieren, um aktuelle politische und gesellschaftliche Strukturen kritisch zu kommentieren. Historische und nicht-westliche Motive finden Eingang in diese frühen Arbeiten sowie Texte und Slogans, die eine Nähe zur Konkreten Poesie verdeutlichen.

Johannesson entwickelte ihre Arbeiten in selbstorganisierten und außerinstitutionellen Kontexten und ihre Praxis ist in vielerlei Hinsicht radikal: Weder der Webstuhl noch der Computer wurden zu Beginn ihrer Tätigkeit als künstlerische Medien anerkannt. Wie Johannesson den Webstuhl einsetzte, politisch aktivierte und mit digitalen Prozessen verband, unterwanderte zudem jegliche geschlechterspezifische Normierung und binäre Zuordnung (der Webstuhl als häusliches Arbeitsgerät der Frau).

Stattdessen verortet sich die Herangehensweise der Künstlerin in Gegenkulturen der 1960er und 70er Jahre, der Punkbewegung, des Feminismus und der beginnenden digitalen Bewegung. Im Jahr 1978 gründete sie mit ihrem Partner Sture Johannesson das Digital Theatre in Malmö als erstes digitales Kunstlabor in Skandinavien. Es bestand aus sieben Computern, Druckern, Monitoren und Synthesizern und wurde als eines der fortschrittlichsten Apple-Systeme seiner Zeit beschrieben. Für die so genannten „Mikro-Performances“ entwarf Johannesson digitale Grafiken zwischen popkultureller Symbolik und grafischer Abstraktion. Später entwickelte sie dieses Verfahren weiter und gestaltete zahlreiche geplottete Drucke, die auf die Maße des Webstuhls codiert wurden und progressive, fast schwerelose Motive aus Pixeln, Mustern, Rasterungen und Überlagerungen erzeugen.  

Die Entwicklung von Computerprogrammen in den 1980er Jahren und ihr Einfluss auf die digitale Grafik führte zu einer Kehrtwende in der Arbeitsweise von Charlotte Johannessons, die sich der Malerei zuwandte, aber auch hier mit codierten Bildwelten experimentierte, die die Grenzen von Programmierung und Webrahmen widerspiegeln. In den computergefertigten Textilien von 2019 greift die Künstlerin auf Bilder zurück, die sie in den 1980erJahren am Computer erstellt hat, um die Möglichkeiten medialer und handwerklicher Produktion erneut heraus zu fordern, Formen der Repräsentation krisenhaft zuzuspitzen und eine spekulative Bildwelt zu entwerfen, die sich jenseits institutioneller Legitimation verortet: „Save as art? Yes/No“.

Kuratiert von Anja Casser
Mit besonderem Dank an Hollybush Gardens

Charlotte Johannesson (*1943, Malmö, Schweden) lebt und arbeitet in Skanör, Schweden. Johannessons Arbeiten wurden international ausgestellt, darunter die aktuelle 59. Internationale Kunstausstellung der Biennale di Venezia, The Milk of Dreams, Venedig, Italien; HEM (HOME), Malmö Konstmuseum, Malmö, Schweden; Unweaving the binary code – Hannah Ryggen Triennale, Kunsthall Trondheim, Trondheim, Norwegen (alle 2022); Take Me To Another World, Museo Reina Sofía in Madrid, Spanien (2021); Our Silver City, 2094, Nottingham Contemporary, UK (2021); The Blazing World, S|2 Gallery, Sotheby's, London (2019); Mud Muses, Moderna Museet, Stockholm (2019); Still I Rise: Feminisms, Gender, Resistance, Act 2, De La Warr Pavilion, Bexhill on Sea, UK (2019); pressure | imprint, Malmö Konsthall, Schweden (2018); Mirrored, Nordic Pavilion, Venice Biennale (2017); 32. São Paulo Biennale (2016); Textila Undertexter, Marabouparken Konsthall, Schweden (2016); The Society without Qualities, Tensta Konsthall, Spånga, Schweden (2013); Forms of Resistance, Van Abbemuseum, Eindhoven, Niederlande (2007); Pyramid of Mars, Barbican Centre, London, und Fruitmarket Gallery, Edinburgh, UK, und Trapholt Museum, Kolding, Dänemark (2000).

Für weiteres Informations- und Bildmaterial wenden Sie sich bitte an
presse@badischer-kunstverein.de oder rufen Sie uns an unter 0721 28226.

11.2.–18.4.2022 – verlängert bis 6.6.2022
Pressetermin: Mittwoch, 9.2.2022, 11 Uhr
Eröffnung: Donnerstag, 10.2.2022, 18–22 Uhr

Ausstellung

Embrace Platform

Embrace

Charlotte Eifler, Mara Ittel, Edka Jarząb, Jessica Kessler, Kerstin Möller, Karol Radziszewski & Queer Archives Institute, Karolina Sobel, Liliana Zeic

Embrace ist eine nomadische Plattform für interdisziplinären kulturellen und künstlerischen Austausch, die nationale sowie internationale Kooperationen fördern möchte. Embrace Platform wurde von Karolina Sobel und Kerstin Möller im Jahr 2020 gegründet und vereint eine Vielzahl medialer Künste wie Videoarbeiten, Fotografie, Sound Installationen, Performances und Workshops. Die Ausstellung Embrace setzt sich für die geschlechtliche Gleichberechtigung und die Normalisierung von nicht-binären Geschlechteridentitäten in Deutschland, Polen und Europa ein. Der Schwerpunkt liegt auf dem künstlerischen Austausch zu den Themen LGBTQIA+ und Frauenrechte, sowie auf Formen des friedlichen Widerstands.

Als erstes Projekt der Plattform zeigt die Ausstellung im Badischen Kunstverein Positionen von eingeladenen polnischen Künstler:innen und Künstler:innen mit einem biografischen Bezug zu Karlsruhe. Die Beiträge von Liliana Zeic sowie Karol Radziszewski & Queer Archives Institute setzen sich mit der Perspektive der queeren Gesichtsschreibung in Polen auseinander. Zeic befasst sich mit der Geschichte der polnischen nicht-normativen Frauen anhand eines Porträts von Narcyza Żmichowska, der ersten polnischen Romanautorin, die Liebe und Leidenschaft zwischen Frauen thematisierte. Karol Radziszewski gibt einen Einblick in das Queer Archives Institute, eine von dem Künstler gegründete Institution als alternative Sammlung queerer Quellen und Kultur aus Mittel- und Osteuropa. Edka Jarząb erarbeitet zusammen mit den Workshop-Teilnehmer:innen ein Audio-Manifest, das sich mit dem Begriff ‚Safe Space‘ auseinandersetzt. Dort wird erkundet, wie normative, dominante Modelle die alltäglichen Auseinandersetzungen mit Queerness, Femmehood und Hochsensibilität erschweren. Mara Ittel und Charlotte Eifler, zwei von einer Jury ausgewählte künstlerische Positionen, befassen sich mit post-digitalen Welten aus einer queeren beziehungsweise feministischen Perspektive. Jessica Kessler interveniert in den Waschräumen des Badischen Kunstverein, um die eigene Binarität kritisch zu hinterfragen, indem sie eine Teilung von Rechts- und Linkshänder:innen vornimmt. Film Screenings in der Kinemathek, mit Interventionen von Karolina Sobel und Kerstin Möller, erweitern die Ausstellung.

In Kooperation mit dem Badischen Kunstverein Karlsruhe, der Kinemathek Karlsruhe, dem Kulturbüro der Landeshauptstadt Hannover, Cola Taxi Okay Karlsruhe und der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.
Gefördert durch die UNESCO City of Media Arts Karlsruhe, der Stadt Karlsruhe, dem Kulturbüro der Landeshauptstadt Hannover und der UNESCO City of Music Hannover.

Für weiteres Informations- und Bildmaterial wenden Sie sich bitte an
presse@badischer-kunstverein.de oder rufen Sie uns an unter 0721 28226.

11.2.–18.4.2022 – verlängert bis 6.6.2022
Pressetermin: Mittwoch, 9.2.2022, 11 Uhr
Eröffnung: Donnerstag, 10.2.2022, 18–22 Uhr

Ausstellung

Ulrike Grossarth

gibt es ein grau glühend?...

Mit Fotografien aus dem Archiv von Stefan Kiełsznia

Wir freuen uns sehr, dass Ulrike Grossarth eine umfassende Einzelausstellung ihrer Werke im Badischen Kunstverein zeigt. Es ist die bislang größte Retrospektive in Deutschland und reicht von plastischen, installativen Arbeiten der 1980er und 1990er Jahre bis zu den aktuelleren Projekten rund um die Schule von Lublin.

Aus dem Tanz kommend konzentriert sich Ulrike Grossarth seit 1980er Jahren auf die bildende Kunst, wobei die Künstlerin selbst betont, dass sie weniger an der Herstellung von Kunstwerken interessiert ist, als vielmehr Formen und Methoden entwickeln möchte, die ein öffnendes Wahrnehmen ermöglichen. So beschäftigte sich Grossarth in ihren früheren künstlerischen Arbeiten mit der Veranschaulichung ökonomischer Begriffe und fiktiver Tauschaktionen, die sie in den so genannten „public exercises“ als „Übungsreihen zur Überwindung fixierter Kulturmodule“ performativ behandelt.

Später galt Ulrike Grossarths Interesse der mittel- und osteuropäischen Geistesgeschichte, respektive der verloren gegangenen jüdischen Geschichte im polnischen Lublin. Es entstand eine über Jahre hinweg angelegte Sammlung aus Fotos, Texten und Postern, die neben Zeichnungen und Projektionen in Grossarths Ensembles einfließen. Die Künstlerin entwirft zudem Figuren, Symbole und Allegorien, die in verschiedenen sozialen Handlungen agieren. Beeinflusst durch die Formensprache der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert und Hannah Arendts Vorstellung vom Handeln als eine „in der Kultur noch zu entwickelnde Größe“ kommt Grossarth zu einer einzigartigen Methode der künstlerischen Forschung, in der sich Materialien verschiedener Kulturen, Geografien und Geistesgeschichten begegnen, um neue kulturelle Milieus zu schaffen. Grossarths künstlerische Praxis reflektiert die Formulierung eines zukünftigen Kunst- und Kulturbegriffs aus den Quellen jüdischer Denk- und Lehrtradition und ihr Interessensschwerpunkt liegt auf anthropologischen Themen. Dazu gehört auch das Studium des Talmuds, das sie in verschiedenen Lerngruppen praktiziert.

Die gemeinsam mit der Künstlerin intensiv vorbereitete Ausstellung im Kunstverein nimmt diese Arbeitsweise und Methode zur Übersetzung kulturgeschichtlicher Phänomene in den Blick, indem die Materialsammlungen in Vitrinen gezeigt werden und sich zugleich im Raum entfalten. Das Ensemble Bau I (1989–97), das 1997 auf der documenta x zu sehen war, ist paradigmatisch für Grossarths künstlerische Herangehensweise, indem sie als Handlung verschiedene Gegenstände auf einem Tisch so arrangiert, dass sie kollektiv zusammenstehen, bewusst unterschiedslos und mengenhaft arrangiert werden und die Vorstellung vom Solitär oder Objektstatus obsolet wird. Diese Studie zu „unbewegten Gegenstandskörpern“ beruft sich auf Grossarths umfangreiche Untersuchung zum Objektbegriff des 20. Jahrhunderts (Duchamp, Warenfetisch, Objektstatus). Der im Kunstverein präsentierte Bau II, rot/grün-grau (1999) ist eine Weiterführung von Bau I und verdeutlicht bildnerisch-plastisch den Versuch, das Spannungsfeld des Komplementären zu überwinden und stattdessen nach einem „vorsprachlichen“ Formenkanon zu suchen, in dem Farben zu zentralen Merkmalen der Gegenstände werden.

Neben ausgewählten Werkensembles aus verschiedenen Schaffensperioden, widmet sich eine Ausstellungsebene den so genannten Lubliner Projekten, die Ulrike Grossarth seit 2006 in Polen und der Ukraine veranstaltet. 2014 gründete sie außerdem die Schule von Lublin und 2015 mit SYMBOL gotowe / sklep einen Raum für temporäre Interventionen und Ausstellungen. In der Schule von Lublin überführte Grossarth ihre Recherchen zur jüdischen Geschichte in eine konkrete Lehrtätigkeit. Sie untersuchte mit Studierenden die vielfältigen historischen Schichten Lublins, das als Zentrum des Chassidismus in Polen, aber auch als Ausgangspunkt eines beispiellosen Vernichtungsfeldzugs des NS-Regimes eine wechselvolle Geschichte hat. Stoffe aus Lublin (2007/10) bezieht sich auf Grossarths intensive Auseinandersetzung mit dem Archiv des Fotografen Stefan Kiełsznia. Werbetafeln von Schneidereigeschäften in Lublin und Stoffe aus dem Textilmuseum in Łódź werden mit Figuren und Fragmenten aus bildnerischen Quellen unterschiedlicher Epochen des Abendlands kombiniert (von Diderot und d’Alembert, aus Kupferstichen des Alchemisten Michael Maier, aus der Iconologia des Cesare Ripa). Zur Schule von Lublin erscheint eine Publikation im Rahmen der Ausstellung.

Kuratiert von Anja Casser

Wir bedanken uns für die Unterstützung der Ausstellung bei der Baden-Württemberg Stiftung und der Stiftung Kunstfonds.

Ulrike Grossarth (*1952, Oberhausen, DE) lebt und arbeitet in Berlin und Dresden. Sie studierte von 1969–75 Künstlerischen Tanz an der Folkwang Universität der Künste, Essen, und an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden. Von 1976–89 entwickelte sie Solotänze, Performances und Aktionen. Seit 1976 arbeitet Grossarth an der Entwicklung einer empirischen Methode als künstlerische Forschung und beginnt mit den public exercises als Übungsreihen zu raum-zeitlichem Handeln. Ab den 1980er Jahren widmet sich Grossarth der bildenden Kunst und führte von 1980–83 eine Zweigstelle der von Joseph Beuys initiierten Free International University (FIU) in Essen. Seit 1984 produziert sie Videofilme und nimmt an zahlreichen Ausstellungen teil; ab 1986 lehrt sie als Gastprofessorin, hält Vorträge und Seminare. 1997 war sie Künstlerin der documenta x und erhielt 2009 den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste Berlin sowie 2019 den Medal Prezydenta Miasta Lublin. Von 1998–2018 war Grossarth Professorin für ‚Übergreifendes künstlerisches Arbeiten’ an der Hochschule für Bildende Künste, Dresden. Seit 2006 initiiert sie Projekte in Lublin, Polen. Sie gründete 2014 die Schule von Lublin als ein mobiles Institut zum Studium jüdischer Themen an authentischen Orten des Lernens in Süd-Ost-Polen, und 2015 SYMBOL gotowe / sklep als öffentlichen Projektraum in Lublin für die anschauliche Aufbereitung europäischer Kulturarchive.

Für weiteres Informations- und Bildmaterial wenden Sie sich bitte an
presse@badischer-kunstverein.de oder rufen Sie uns an unter 0721 28226.